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Montag, 18.10.2010, 12:40

Ich ärgere mich gerade total über Zahlen. Wir machen so vieles abhängig von Zahlen, dass es schon richtig unheimlich ist.
Wenn man genau überlegt. Tage haben bei uns Zahlen, Gewicht ist eine Zahl, Geld sind Zahlen und nicht zuletzt die Uhrzeit. Wenn man bedenkt, wie viel wir davon abhängig machen.
Ein Beispiel: Ich fühle mich schön und schlank und ich weiß auch, dass ich lange nicht mehr so viel wiege, wie früher. Ich weiß, dass ich mittlerweile eine recht schöne Figur habe, auch wenn ich für mich noch nicht bei meinem persönlichen Idealgewicht bin. Also, ich weiß, dass ich gut aussehe, dennoch traue ich mich nicht auf die Waage, weil ich Angst davor habe, dieser Zahl in die Augen zu blicken. Ich weiß, dass wenn ich es zulasse, meine ganze Laune zerschmettert wird, wenn ich mich auf dieses Gerät stelle. Und dann werden natürlich andere Gedankenketten ausgelöst wie: Naja, in den letzten Tagen habe ich wenig Sport gemacht, ich habe nicht auf eine ausgewogene Ernährung geachtet, sollte wohl mehr Obst und Gemüse essen, aber zwingen will ich mich ja auch nicht usw. Gut, nicht auf die Waage, dafür vielleicht lieber das Maßband zur Hand nehmen und Maße von meinen Umfängen nehmen. Gut, auch da schwankt es und verändert sich, für mich viel zu wenig. Die Verwunderung groß, denn das Spiegelbild sagt ja was ganz anderes, aber ich glaube dann doch lieber den Zahlen, denn es gibt ja bekanntlich eine gestörte Selbstwahrnehmung aber Zahlen lügen nie. Wieder emotional Verbunden mit einer Zahl.
Weiter geht’s mit dem Blick auf das Bankkonto. Rote und Schwarze Zahlen bedeuten unheil. Lustig, hier kann man nebenbei einen Bogen zu unserer Politik spannen. Aber das möchte ich jetzt nicht näher ausführen. Gut, die Zahlen auf dem Kontoauszug erheitern mein Gemüt auch nicht besonders. Auch sie verursachen eine weitere Gedankenkette: Wir haben jetzt knapp die Mitte des Monats vorbei, bis mein Gehalt kommt, dauert es noch mehr als eine Woche. Ich muss aber auch was essen, denn immerhin ist gesundes Essen ja um einiges teurer als ungesundes. Hach, hätte ich nicht nebenbei hier und dort mal beim Mäci gegessen oder mir diesen Käsekrainer um drei Uhr Morgens am Wochenende erspart, nachdem ich wieder mal zu viel Geld für Alkohol ausgegeben habe, der ja wiederum Schuld ist, dass sich die Zahl auf der Waage nicht verändert.
Ja, so geht es weiter. Der Wecker läutet zu einer bestimmten Zeit und ich kann diese Zahl nicht mehr sehen. Statt mich auf die Waage zu stellen messe ich meine Maße, auch diese Zahlen kann und will ich nicht mehr sehen. Ich setzte mich vor meinen Computer. Die Zahlen an Spammails sind ebenso unzufriedenstellend, wie die Zahl, die mir das Konto anzeigt. Warte ich doch auf eine wichtige e-mail, die meinen Kontostand an nur einem Tag erheblich ansteigen lassen würde.
Es folgt der Blick auf die Uhr. Ach, schon wieder so spät, dabei muss ich noch so viel erledigen. Vielleicht sollte ich eine To Do Liste anlegen damit ich mir alles merke. Die Anzahl meiner vorgenommenen Erledigungen machen das Graut auch nicht mehr Fett oder wie auch immer. Essen einkaufen muss ich ja auch noch. Blöd nur, dass das Konto das nicht ganz so sieht wie ich. Aber die Zahl auf meiner Waage verändert sich sicher dadurch, dass ich dank der Zahl auf meinen Konto nicht so viel zu essen kaufen kann. Ist da etwas Gutes dabei? Wohl eher nicht, denn ich esse ja eigentlich ganz gerne, vor allem bin ich eine gute Köchin. So, Gedankenkette geht weiter: Halbfettmilch, 15% weniger Fett, um die 500 Kalorien, wenn du zwei Stück kaufst kostet eines nur noch 1,49€. Ist das jetzt wirklich billiger? Und brauche ich die zwei Stück überhaupt? Mal das Ablaufdatum ansehen. Könnte sich ausgehen, wenn ich in nächster Zeit mehr zum kochen komme. Ab zur Kassa, bezahlen. Rechnungen sind auch so eine Sache. Man weiß ja meistens vorher schon, wie viel man für was ausgeben wird und dann bekommt man seine zahlenmäßige Niederlage mal wieder schwarz auf weiß, wie ein Zeugnis. Das kann man dann auch nach Hause mitnehmen und sich so oft man will ansehen.
Das tolle an Zahlen, die man schwarz auf weiß hat: Sie verändern sich nicht, egal wie oft man die Rechnung auch anstarrt. Ist nicht alles in Wirklichkeit nur Materie und dadurch formbar? Gilt für Zahlen scheinbar nicht!
Acht Zigaretten noch in der Packung. Wäre vielleicht nicht schlecht, noch welche zu kaufen, denn der Tag hat noch viele weitere Stunden und er genießt es scheinbar, mich jede Minute um ein paar Cent, ärmer zu machen. Bewerbungen für mein Forschungspraktikum muss ich auch noch schreiben. Die anderen haben schon zwischen zwei und drei abgeschickt, ich null. Puhhh, Null, dass ist auch eine tolle Zahl. Gibt ja auch einige Redewendungen damit: Null bock oder „Du bist ja vielleicht eine Null“ oder im Null komma nix. Zahlen beherrschen echt unser Leben. Weitere zahlenbetreffende Sprichworte wären auch: Gut Ding braucht weile so wie die Zeit heilt alle Wunden oder Einer ist einer zu viel oder Zu spät oder Zeit für Veränderung oder noch einmal… Könnte man ewig so weiter spinnen.
Also das leidige Thema Zeit hängt eng zusammen mit Zahlen. Eigentlich sind es die Zahlen, die unserm Leben eine Regelmäßigkeit geben. Zeit haben wir mit Zahlen verbunden. Da ist wohl eines Tages einer daher gekommen, der gemeint hat, dass ein Tag 24 Stunden hätte und dass der sich nach der Sonne richtet. Nachdem wir nun Tage mit 24 Stunden haben, brauchen wir offenbar auch Wochen mit 7 Tagen. Wieso 7 Tage? Wieso nicht 10 oder 5? In 7 Tagen hat Gott die Welt erschaffen, mhhh, ich denke nicht, dass Gott ganz bewusst 7 Tage gewählt hat, wenn er überhaupt die Welt erschaffen hat. Ist ja sehr unrealistisch, dass eine ganze Welt und ihre darauf lebenden Organismen sich in 7 Tagen entwickelt hätten. Ach ja, vergessen, Gott ist ja göttlich, der kann das. Ist doch unheimlich. Wenn Gott dafür nur 7 Tage brauchte, dann kann er sie ja umso schneller wieder zerstören. Muss er nicht, machen wir eh von selbst. Aber warum soll Gott eine Welt geschaffen haben, die sich selbst zerstört? Ich werde zu philosophisch, aber das passiert mir nun mal, wenn ich mich mit Zeit und Zahlen auseinandersetze.
Zahlen sind emotionslos und dennoch ist so viel Emotion an sie geknüpft. Die wohl größte Emotion ist die Tatsache, dass Zeit nicht unendlich ist. Jeder ist vergänglich und jeder Tag könnte der letzte sein. Da haben wir es wieder. Neue Gedankenkette: Geburtstage! Jedes Jahr wird man um ein Jahr älter. Ach, die Zeit vergeht so schnell, jetzt bin ich schon wieder älter und was habe ich im letzten Jahr alles geleistet? Zu wenig? Ach, ich hab ja auch so wenig Zeit. Meine Tage bräuchten mindestens 48 Stunden, damit ich alles unter einen Hut bringe.
Meine Tage sind auch schon überfällig. Sie kommen einfach nicht obwohl sie Kalendermäßig ja schon da sein sollten. Naja, ich kann ja noch ein paar Tage warten und dann mal einen Test machen. Dann entscheidet sich ob ich die nächsten 9 Monate unendlich Fett werde und meine Waage mich wieder unglücklich machen wird. Und ich darf mir ins Bewusstsein rufen, dass mindestens die nächsten 18 Jahre zusätzliche Kosten verursachen werden. Ein Kind muss ja auch was essen und was anziehen und zur Schule gehen. Und mein Kontostand ist ja nun mal auch nicht der Beste für so was. Zu jung bin ich ja auch noch und für mein Studium brauche ich sicher noch 3 Jahre. Die Zeit rennt einem davon. Dabei wollte ich immer jung ein Kind bekommen. In drei Jahren wäre ich dann 28. Ist ja auch nicht schlecht. Aber wer sagt mir, dass es dann besser wäre? Der Umstand, dass der mögliche Vater meines möglicherweise Kindes eventuell nicht der Richtige ist? Das ich mein Studium beenden sollte, weil man das halt so macht. Das ich nicht fähig bin, ein Kind zu ernähren, erhalten und zu erziehen? Wer sagt mir so was? Andere Leute, die eigene Erfahrungen gemacht haben. Ich schweife mal wieder ab. Aber das ist das gute, dass ich der Zeit und den Zahlen abgewinnen kann.
Jeden Morgen, nach meinen 7 Stunden schlaf, setze ich mich an meinen Computer und schreibe drei Morgenseiten. Ich beginne bei Seite eins und schreibe durch bis Seite drei. Ich höre erst bei Seite drei auf. Das ist mein Ritual. Manchmal nervt es mich, dass ich weiß, dass ich noch zwei Seiten vor mir habe und nicht wirklich weiß, womit ich sie füllen soll. Aber dann fließt alles und in diesem Moment wird Zeit unrelevant. Erst wenn sich die vierte Seite unten aufmacht weiß ich, dass ich aus meinem Zeitlosen zustand durch eine Zahl mal wieder herausgerissen wurde. Aber diese Zahl ist gut, sie ist rituell. Vielleicht brauchen wir Zahlen und Zeit, weil sie uns Raum für Rituale lassen. Der Mensch braucht Rituale, genauso wie Kinder geregelte Abläufe brauchen. Wir haben Angst vor Dingen, die wir nicht kontrollieren können und genau deshalb bedienen wir uns einem der einfachsten Hilfsmittel, der Zahl. Sie ist emotionslos, leicht verständlich und immer präsent. Sie ist international Bekannt!
So, Seite drei ist fast voll, die Zeit rennt mir davon, ich habe heute noch einiges zu tun. Ich nehme mal meine Beine in die Hand und laufe los!